Von uns Empfohlen

INTERVIEW TEIL 2: KURATOR PHILIPP BOLLMANN...


YouTube

Das edle Fundament einer Garderobe

Benjamin Klemann  wurde 1959 auf der Insel Föhr geboren und schon sehr früh stand für den Friesen fest, seinen Berufswunsch in die Tat umzusetzen, obwohl dieser nicht typisch friesisch war. Sein Handwerk von der Pike auf gelernt, hat Benjamin Klemann bei dem ungarischen Schuhmacher Harai, einem wahren Meister der Zunft. Nach der Ausbildung ging es dann samt Frau Magrit und zwei kleinen Kindern, nach London zum Großmeister John Lobb. Bei dem Hoflieferanten der Queen, des Prince of Wales und des Duke of Edinburgh konnte Klemann sein Können perfektionieren. Mittlerweile hat sich Benjamin Klemann in Hamburg niedergelassen, seine Frau und seine beiden Söhne Vincent und Lennert, haben die Meisterprüfungen mit Bravour abgelegt und die ganze Familie Klemann widmet sich mit höchster Präzession und Hingabe der Maßschuh-Anfertigung.

“Herr Klemann, Ihr erster Blick richtet sich bestimmt immer auf die Schuhe Ihres Gegenübers oder?

Würde man vermuten, aber der erste Blick geht in die Augen, der Zweite dann tatsächlich auf die Schuhe.

Und ist man davon manchmal überrascht?

Man staunt schon manchmal, Menschen fahren tolle Autos, kleiden sich elegant und schaut man dann auf die Schuhe, denkt man “autsch”. Ich finde man kann sich augenscheinlich locker, leger oder sogar nachlässig kleiden, aber wenn jemand richtig gute Schuhe trägt, dann reisst das alles raus – das ist ein absolutes Qualitätsmerkmal. Ich persönlich fühle mich nicht ordentlich gekleidet wenn ich keinen guten Schuh trage. Der Schuh muss nicht nur das Fundament sein, sondern auch der Abschluss einer anständigen Garderobe!

Mit welchem Leder arbeiten Sie hauptsächlich?

Brot und Butter ist für uns Kalbsleder, das ist für die Industrie viel zu teuer. Außerdem verarbeiten wir auch Pferdeleder, Haileder oder andere exotische Lederarten.

Sie sind ja auch einer der wenigen Maßschuhmacher, der das wertvolle Juchtenleder, der 1786 vor Cornwell gesunkenen S.S. Metta Catharina, verarbeiten darf.

Mit diesem außergewöhnlichen Leder werden weltweit nur 7 Handwerksbetrieb beliefert. Alle zwei Jahre fahre ich runter nach Cornwell und darf mir meine Häute aussuchen. Das hat uns natürlich auch eingeordnet in der Schuhmacherzunft – es ist eine Art Auszeichnung unter den Schuhmachern. Wenn wir daraus einen Schuh bauen muss der Träger ihn ganz besonders pflegen.  Für so einen Schuh entscheidet man sich ganz bewusst, er hat eine Alltagstauglichkeit, aber es gibt auch den Kunden der ihn dann eher auf den Kaminsims stellt, als das er diesen Schuh täglich tragen würde. Ein Schuh aus diesem Leder ist eine Art Krönung der Schuhgarderobe. Ein klassischer Halbschuh geht bei 5.000 Euro los, Stiefel sogar über 10.000 Euro.

Das hört sich an als hätten Sie einen äußerst lukrativen Beruf?

Das, was wir machen ist reines Handwerk und davon wird man leider nicht reich. Auch wenn viele denken ich müsste Millionär sein weil ich so teure Schuhe herstelle. Aber ich kann ich nur eine bestimmte Anzahl von Schuhen herstellen, da ich ja nur mit meinen Händen arbeite – Und die Gewinnspanne ist nicht gross. Klar, auch für einen Durchschnitts- Verdiener sind unsere üblichen Preise, um die 2.000 Euro, schon zum Schlucken. Aber wenn man einmal so einen Schuh von uns hat, versteht man es. Das sind Schuhe die man quasi mit in die Kiste nehmen kann. Wir kalkulieren mit der Arbeitszeit, das Material ist wichtig und teuer, entscheidend ist aber der Arbeitsaufwand. Das macht den Preis unserer Schuhe aus. Und wenn ich dann einen industriell gefertigten Schuh sehe, der einfach nur einen grossen Markennamen an der Seite hat, aber fast soviel kostet wie unsere Schuhe, da muss ich leider sagen: Wie doof muss man eigentlich sein, sich solche Schuhe an die Füsse zu ziehen. Bei den industriell gefertigten Schuh sind  so grosse Gewinnspannen drin, die weder vom Material noch von der Machart gerechtfertigt sind, das ist der Irrsinn, da stimmt für den Träger am Ende nur das Label.

Aber heute widerfährt doch gerade der Schuhmacherzunft eine Renaissance.

Als ich meine Lehre angefangen habe, sprach man davon das das klassische Handwerk ausgestorben sei. Die Kunden die damals bedient wurde, waren ältere Herren. Auch als ich in London gearbeitet habe, waren die Kunden eher älter. Aber dann wieder in Deutschland, kamen viele zwischen 30 und 60. Heute sogar auch viele die weitaus jünger sind als 30, die interessiert die handwerkliche Herstellung. Meistens sind das Leute die in virtuellen Welten arbeiten, die bewundern das ein Schuh wirklich mit der Hand gefertigt wird, dass man dabei schwitzt und Kraft aufbringt.

Sie sind ein reiner Familienbetrieb neben Ihnen, Ihre Frau und Ihren zwei Söhnen, Vincent und Lennert.  Es werden also nicht nur die Kunden jünger, sondern auch die Macher.

Genau und so hat dann auch jeder meiner Söhne seinen Stil. Vincent ist nebenbei Musiker und der liebt Sneaker. Lennert, der ist Sportler, der baut Rennradschuhe und Bowlingschuhe, die ja auch wieder sehr angesagt sind, so hat jeder auch seine  Schwerpunkte. Und trotzdem sind beide im klassischen Schuhe machen verankert.Ich werde älter, meine Stammkunden werden auch älter, aber die bringen wiederum ihre Kinder und die tragen dann Schuhe meiner Kinder.

Gibt es auch Frauen die Ihre Schuhe tragen?

80% unserer Kunden sind Herren, aber auch immer mehr Damen interessieren sich für handgebaute Schuhe. Das geht dann eher in die Richtung  Chelseaboots, Trotteurs, Brogues oder Pumps.

Wie lange muss ein Kunde auf einen Klemann-Schuh warten?

Bei uns beträgt die Lieferzeit des erstens Paares ca. 8 Monate.Der Zweitschuh kann dann in ca. 5 Monaten geliefert werden, denn dafür brauch ich den Kunden nicht mehr persönlich zu sehen. Haben wir einmal die Leisten erstellt, dann kann der Kunde zum Beispiel in Hongkong leben und ich kann ihm die angefertigten Schuhe einfach zuschicken. So ein Mensch brauch dann nie wieder in ein Schuhgeschäft gehen. Dieser Service ist natürlich auch ganz praktisch für Personen des öffentlichen Lebens, die sich nicht in Schuhgeschäfte trauen, weil sich dann Menschentrauben um sie bilden würden. Ich besuche meine Kunden zuhause, die die Kunden kommen zu uns in die Werkstatt oder man macht einen Termin mit mir an den zwei Samstagen im Monat an denen ich bei SØR in Berlin und Münster bin.”

Das Juchtenleder der gesunkenen S.S. Metta Catharina

1786 sank die in Sankt Pertersburg beladene S.S. Metta Catharina in der Bucht vor Cornwell. Sie hatte eine Ladung des besten russischen Juchtenleders an Board, welches für Genua bestimmt war. Das Schiff samt des kostbaren Ladung lag bis in die siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts unberührt auf Grund. Prinz Charles, der Duke of Cornwell, finanzierte den ersten Tauchgang, um die Ladung zu bergen. Um dieses Wrack bildete sich im Laufe der Zeit eine kleine Gemeinde von Hand-werkern, Intellektuellen und Forschern. Einer von ihnen war ein Lehrer aus Cornwell, der nebenbei schon immer Lederarbeiten anfertigte. Dieser Lehrer gab sein Schulamt auf und  widmete sich ganz diesem geborgenen Juchtenleder. Er entsalzte es über verschiedene Bäder, entwickelte eine schonende Art der Trocknung und Ölung. Ein Prozess der langwierig war und höchste Perfektion verlangte. Dadurch wurde das, an sich schon sehr wasserresistente Juchtenleder, noch beständiger. Leider neigen sich die Bestände, dieses außergewöhnlichen Leders, langsam dem Ende zu und nur eine kleine Zahl von entstandenen Produkten höchster handwerklicher Präzession, werden beständige Ernte dieser spannenden Geschichte sein.

Das Juchtenleder der gesunkenen S.S. Metta Catharina

http://www.klemann-shoes.com


Kein Kommentar bisher.

Schreibe ein Kommentar

Benötigte Felder sind markiert. *

Kommentar
Name *
E-Mail *
Bitte geben Sie die Zahlenfolge in das nachfolgende Textfeld ein
>

Nach dem Absenden Ihres Kommentars wird dieser durch die Redaktion überprüft und freigegeben.

Wenn Sie zum ersten Mal im Blog kommentieren, müssen Sie einmalig Ihre Identität bestätigen. Dazu erhalten Sie eine E-Mail mit einem personalisierten Link, den Sie für die Verifizierung Ihrer Angaben bitte aufrufen. Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht oder an Dritte weitergegeben.